Archiv der Kategorie: Lieblingstexte

05.04.2020
In Gedanken im Galaterbrief verfangen, stieß ich auf jenes Gedicht von Johann Kasper Lavater.
Laura Kadur

Jedes Menschen Last

Jedes Menschen Last
und jedes Kraft ist gewogen,
nie zuviel legt auf einen der Herzen kennende Prüfer;
ist am grössten die Not,
so ist Gott am nächsten der Demut,
heisse Stunden der Angst gebären Jahre der Freude.

Johann Kasper Lavater, 1741-1801, Schweizer evangelischer Theologe, Religionsphilosoph und Schriftsteller

03.04.2020
Ein kurzes und erheiterndes Gebet für den Alltag.
Gitta Schölermann

Ein kleines Gebet

Lieber Gott,
bis jetzt geht es mir gut. 
Ich habe noch nicht tratscht, 
die Beherrschung verloren, 
war noch nicht muffelig, 
gehässig, egoistisch oder zügellos.
Ich habe noch nicht gejammert, geklagt, 
geflucht oder Schokolade gegessen. 
Die Kreditkarte habe ich auch noch nicht belastet. 
Aber in etwa einer Minute werde ich aus dem Bett klettern 
und dann brauche ich wirklich deine Hilfe….

Verfasser unbekannt

26.03.2020
Das Gefühl von Heimat und Fremdsein berührt mich sehr an diesem Text. 
Laura Kadur

Ziehende Landschaften

Man muss weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.
Man muss den Atem anhalten,
bis der Wind nachlässt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo es auch sei,
und niedersitzen können und uns anlehnen,
als sei es an das Grab
unserer Mütter.

Hilde Domin, 1955

23.03.2020
Inspiriert durch Jesaja 66,10-14 kam mir dieses Lied von Jochen Klepper in den Sinn.
Laura Kadur

Ja, ich will euch tragen, bis zum Alter hin

Ja, ich will euch tragen
bis zum Alter hin.
Und ihr sollt einst sagen,
daß ich gnädig bin.
Ihr sollt nicht ergrauen,
ohne daß ich’s weiß,
müßt dem Vater trauen,
Kinder sein als Greis.
Ist mein Wort gegeben,
will ich es auch tun,
will euch milde heben:
Ihr dürft stille ruhn.
Stets will ich euch tragen
recht nach Retterart.
Wer sah mich versagen,
wo gebetet ward?
Denkt der vor’gen Zeiten,
wie, der Väter Schar
voller Huld zu leiten,
ich am Werke war.
Denkt der frühern Jahre,
wie auf eurem Pfad
euch das Wunderbare
immer noch genaht.
Laßt nun euer Fragen,
Hilfe ist genug.
Ja, ich will euch tragen,
wie ich immer trug.

Jochen Klepper, aus Kyrie; 19. Juni 1938

23.03.2020
Dieses Gedicht begleitet mich heute, wenn ich durch mein Fenster nach draußen in die wunderbar aufblühende Natur sehe
Monika Crohn

Ich finde Dich in allen diesen Dingen

Ich finde Dich in allen diesen Dingen,
denen ich gut und wie ein Bruder bin;
als Samen sonnst du dich in den geringen
und in den großen gibst du groß dich hin.

Das ist das wundersame Spiel der Kräfte,
dass sie so dienend durch die Dinge gehn:
in Wurzeln wachsend, schwindend in die Schäfte
und in den Wipfeln wie ein Auferstehn.  

Rainer Maria Rilke, 24.9.1899, Berlin-Schmargendorf