Neuer Gemeindebrief Juni bis August

Geistliches Wort
Ein „Amateur“ sagt Adieu

„Ich rufe zu Gott, dem Allerhöchsten,
zu Gott, der es vollendet für mich.“
(Psalm 57, 3)

Liebe Gemeinde,
als ich in der Weidener Kirche am 17. März 1985 vom damaligen Superintendenten unseres Kirchenkreises Manfred Kock zum Pfarrer ordiniert wurde, da war mein Predigttext eine kleine Szene aus dem Johannes-Evangelium (Joh. 12, 20-26):

Griechisch sprechende Juden aus der Diaspora sind nach Jerusalem gekommen und haben dort von Jesus gehört. Nun treffen sie einen von den Jüngern Jesu und bitten ihn: „Herr, wir möchten gerne Jesus sehen.“ In diesem Vers habe ich damals mein Predigtthema und auch so etwas wie mein persönliches Ordinationsmotto gefunden: Auch ich möchte gerne „Jesus sehen“.
Ich habe damals in dieser Predigt ein wenig erzählt von meinen vielfältigen religiösen Suchbewegungen in unterschiedlichen christlichen Gruppierungen. Und ich habe davon gesprochen, dass dieses Suchen mit meiner Ordination zum Pfarrer vermutlich keineswegs abgeschlossen sei. Ich sei wohl auch so ein „suchender Grieche“. Oder um es mit den Worten von Thomas Merton zu sagen: „A monk is a man seeking God.“ Ein Mönch, so die Definition von Merton, ist gerade nicht ein besonders frommer, gottgefälliger, moralisch untadeliger Mensch, sondern: ein Mensch, der Gott – sucht.
Vielleicht hat Sie das Wort „Amateur“ in der Überschrift dieses Beitrags irritiert. Wieso nennt der sich einen Amateur? Pfarrer sind doch Profis, oder etwa nicht? „Amateur“ – das Wort kommt von lateinisch: amare, und das heißt: lieben. Ein Amateur ist also zunächst ein Liebhaber. So möchte ich mich jedenfalls selber lieber sehen: als einen „Liebhaber der Sache Jesu“, und weniger als einen professionellen Religions-Beamten der Institution Kirche. Obwohl ich Letzteres natürlich auch gewesen bin. Und den damit verbundenen Anspruch auf professionelle Dienstausübung habe ich durchaus immer sehr ernst genommen, wie ich auch die damit verbundenen Dienstbezüge nicht verschmäht habe.
Aber der, der Ihnen in diesen Zeilen Adieu sagt, das soll doch vor allem der „Amateur“ sein.
Was ich hier nun vor allem tun möchte, das ist: mich bedanken.
Ich bedanke mich zunächst bei der Ev. Kirche im Rheinland. Sie hat mich seinerzeit ins Pfarramt berufen. Sie hat mir so die Möglichkeit gegeben, hier eine geistliche Heimat zu finden. Damit meine ich zum Beispiel das Privileg, das, was mich persönlich seit meiner Jugend fasziniert, nämlich: die Bibel zu studieren, zu meditieren, mit anderen darüber zu diskutieren, nun quasi täglich beruflich tun zu können. Oder ich meine die Gemeinde als Erfahrungsort von Familie, wo ich mit vielen Menschen gemeinsam unterwegs sein konnte als „wanderndes Gottesvolk“ in den Kölner Stadtteilen Weiden und Lövenich über dreieinhalb Jahrzehnte.
Bedanken möchte ich mich weiter bei meiner Gemeinde und vor allem bei den vielen Weggefährtinnen und Weggefährten all dieser Jahre, von denen einige auch schon gestorben sind, andere erst kürzlich dazugekommen sind, und manche mich sogar die ganzen 36 Jahre über begleitet haben:
Da gibt es die Weggemeinschaft mit den (Ex-)Kolleginnen und (Ex-)Kollegen und mit den Presbyterinnen und Presbytern sowie die mit den hauptamtlich Mitarbeitenden in der Kirchenmusik, in der Kinder- und Jugendarbeit, im Küsterbereich, in der Verwaltung.
Da ist die Weggemeinschaft in den gemeindlichen Dienstgruppen, für die ich verantwortlich war und bin, aktuell etwa im Besuchsdienstkreis, im Lektoren-Team und bei den Prädikanten, beim Gemeindebrief, in der Ökumene.
Und da gibt es vor allem die Weggemeinschaft mit der Gottesdienst-Gemeinde, die für mich so etwas wie der Herzschlag unserer Gemeinde war und auch der Herzschlag meines persönlichen Pfarrdienstes. Dabei ist mir bewusst, dass ich an dieser Stelle den Menschen auch einiges zugemutet habe: wenn ich etwa, weil meine Predigtvorbereitung mich dahin geführt hatte, vertraute Formen der Verkündigung aufgebrochen habe – in der Hoffnung, die Botschaft des Textes so neu erfahrbar machen zu können. Das waren dann nicht immer „normale Predigten“, was dabei herauskam. Dass ich gerade dabei in unserer Weidener Kirche immer wieder so viel Offenheit, Aufmerksamkeit und Ermutigung erlebt habe – ich weiß, dass das keineswegs selbstverständlich war, und ich danke Ihnen sehr dafür.
Seit über 25 Jahren bin ich nun Pfarrer bei Ihnen auf einer 50 %-Pfarrstelle. Ich weiß, dass vor allem in der Anfangszeit in den 90-er Jahren, mancher damit Probleme hatte, dass ich offenbar kein „richtiger“, ganzer Pfarrer sein konnte, sondern eben nur zu 50 %. Ich habe selber eine Weile gebraucht, bis ich verstanden habe, dass ich „nur halber Pfarrer kann“ und wohl auch nur sein soll und dass meine anderen Ressourcen eher auf kirchliche Kabarettbühnen gehören. Insofern bin ich als Pfarrer ein Grenzgänger gewesen, vielleicht auch ein Grenzfall. Jemand, der Formen und Inhalte aus zwei Welten zusammengeführt hat – und damit keineswegs immer alle überzeugte. Aber dafür bin ich mit meinem Weg für manche, die sich selber ebenfalls als „Grenzfälle“ fühlen, vielleicht auch ab und zu hilfreich gewesen. Ich möchte es hoffen.
Ich meinerseits bin jedenfalls sehr dankbar dafür, dass ich – als eines der „unregelmäßigen Verben“ Gottes, so habe ich mich jedenfalls oft empfunden – als Pfarrer hier bei Ihnen und vor allem mit Ihnen meinen Ort zum Arbeiten und Leben habe finden können für die letzten 36 Jahre: ob an den offenen Gräbern, wo wir gemeinsam gestanden haben, mal zu zweit und mal zu zweihundert, oder in nächtlicher Kerzenrunde auf einer Jugendfreizeit, ob in intensiven theologischen Diskussionen mit dem Konfirmandenunterricht-Team und bei „Bibel im Gespräch“ oder vor dem Computer beim Erstellen des Gemeindebriefes, ob auf den Bierbänken im Gemeindefest-Garten oder im stillen seelsorgerlichen Gespräch, ob in langwierigen Presbyteriums-Debatten oder in ökumenischer Prozession über die Aachener Straße hinter der Osterkerze her.
Und ja, auch das eine oder andere Schwere und Bittere war dabei, was ich habe lernen müssen in diesen Jahren, und ich hatte manchmal Mühe, es zu verstehen und zu akzeptieren. So wie ich umgekehrt sicher auch meinerseits immer wieder Menschen Unrecht getan oder sie einfach nicht gesehen habe, wie ich hätte sollen. Dafür bitte ich um Vergebung.
Nun geht meine Zeit als Pfarrer und mein Dienst in Ihrer Gemeinde mit all dem, was dazu gehört hat, endgültig zu Ende. Zum 1. Juli 2020 gehe ich in den Ruhestand.
Während ich dies schreibe, ist noch sehr ungewiss, ob und ggf. wie mein Abschiedsgottesdienst, der für den 7. Juni, 10:00 Uhr, vorgesehen ist, überhaupt stattfinden kann.
Für den Fall, dass ein Abschied, wie wir ihn uns wünschen, in diesen Corona-Zeiten nicht möglich ist – aber auch ganz allgemein im Blick auf all das andere Fragmentarische, was ich jetzt hier loslasse, abgebe, zurücklasse: so viele liebgewonnene Menschen und Beziehungen, meine große Freude am Gestalten von Gottesdiensten, zuletzt ja vor allem von Abendgottesdiensten, meine Begeisterung für theologische Gespräche und und und – für all das, was da so jetzt ist, wie es ist, und zu Ende geht, möchte ich für mich und für Sie das Psalmgebet in Anspruch nehmen, mit dem dieser Artikel auch überschrieben ist (es war die Tageslosung am 16. März, am Montag der Woche, als es mit den Corona-Einschränkungen so richtig ernst wurde):
„Ich rufe zu Gott, dem Allerhöchsten,
zu Gott, der es vollendet für mich.“

Bleiben Sie in Gottes Hand, bleiben Sie behütet!

Ihr Wolfgang Behmenburg, Pfarrer

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