Die Anfangsjahre 1948 bis 1963

Am 6.6.1998 kann die Evangelische Kirchengemeinde Weiden auf 50 Jahre ihres Bestehens zurückblicken.

Schon seit 1930 hatte sie ein eigenes Gemeindezentrum mit einem Kirchsaal: das umgebaute frühere Gasthaus und Hotel Florian an der Aachener Straße, die heutige Ev. Kirche. 1925 war Weiden mit den umliegenden damaligen Dörfern Vikariatsgemeinde geworden, d.h. hatte von der Ev. Gemeinde Frechen auch einen eigenen ev. Seelsorger zugewiesen bekommen, meist einen Vikar oder Hilfsprediger.

Die Situation 1948

Deutschland lag 1945 am Boden; als Folge des 2. Weltkriegs kam es zu der größten Flucht- und (Zwangs-) Umsiedlungsbewegung in Europa.

Nun flohen aus deutschen Ostgebieten und ehemals deutschbesiedelten Wohngebieten über 10 Millionen Menschen nach Westen. Besonders viele Flüchtlinge aus Ostpreußen, Westpreußen/Danzig, Ostpommern, Schlesien, dem Baltikum und anderen Gebieten kamen auch ins Weidener Umland, wo die Einwohnerzahlen bis 1948 beträchtlich anstiegen. Viele Deutsche aus dem Osten waren ev. Bekenntnisses, was die Zahl der Evangelischen hier sofort stark steigen ließ und erheblich die Gründung der Ev. Gemeinde Weiden beschleunigte. Viele der ev. Familien aus dem Osten hatten dort seit Generationen gelebt, ihre Vorfahren waren z.T. selbst einmal (Glaubens-) Flüchtlinge gewesen: wie die Salzburger Protestanten, Hugenotten u. a. Ganze Straßenzüge wurden bald neu ausgebaut, viele Vertriebene hier angesiedelt. Viele von ihnen erhielten später Hilfsmaßnahmen des Staates, wie z.B. den sog. „Lastenausgleich“. Diese Lage fand der erste Weidener Pfarrer Kallweit bei der Gründung der Ev. Gemeinde Weiden 1947/48 vor.

„Gründervater“ Fiebig

Nach dem Unfalltod von Pfarrer Kallweit im März 1950 fiel es nun dem (bis 1963) einzigen Pfarrer Fiebig zu, seine stark angewachsene Weidener Gemeinde neu aufzubauen. So beschloss er schon frühzeitig, das Gemeindezentrum an der Aachener Straße erheblich um- und auszubauen. Er selbst wohnte noch im Gemeindehaus, bis 1952 das erste Pfarrhaus in der Schillerstraße 4 errichtet und dann am 15.12.1952 eingeweiht wurde. 1950 hatte die Ev. Gemeinde Weiden ca. 2800 Gemeindeglieder in den damals selbstständigen politischen Gemeinden Lövenich und Brauweiler, sowie 12 Dörfern.

Mit großer Energie und Weitsicht baute Pfarrer Fiebig nun geistlich wie organisatorisch das Fundament der heutigen Ev. Groß-Gemeinde Weiden mit ihren 6 Unterbezirken – er wurde so ihr eigentlicher „Gründungs- und Aufbau-Vater“. Dabei unterstützten ihn viele Presbyter der ersten Stunde, wie z.B. der erste Kirchmeister der Gemeinde v. d. Osten, A. Spies, Presbyter und Bürgermeister in Brauweiler, der zweite Kirchmeister F. Kegel; der erste Bautenkirchmeister H. Becker; die Presbyter Weskott, Schulz, Gülzow, Matthäi, Strauch und Wendt, um nur einige zu nennen.

Neben dem ersten Küster Keulen (1931 – 1961) sind auch die Kirchenmusiker Frl. Flügge und Lehbrink zu erwähnen, die Dienst taten, bis 1954 Klaus Linkenbach kam. der – zusammen mit seiner Frau Waltraud – 43 Jahre lang durch Singschul-, Chor- und Orchesterarbeit Herausragendes geleistet und die Ev. Gemeinde Weiden zu einem Markenzeichen für gute Kirchenmusik machte. Auch die Patenschaft mit der Kirchengemeinde Doberlug/Kirchhain mit dem Paketversand in die DDR stammt aus den 50er Jahren und hält bis heute.

Vieles war anfangs noch ungeregelt: So mussten erst einmal Glocken für das damals einzige Kirchengebäude (später „Jochen-Klepper-Haus“ genannt) besorgt werden: sie kamen als „Leihglocken“ 1950 von einem Hamburger Glockenfriedhof und stammten aus den Ortschaften Rossow und Bonin in (Ost-) Pommern: Sie läuten bis heute. Die erste Orgel in Weiden konnte 1951 eingeweiht werden.

1952 stellte Pfarrer Fiebig einen weit überwiegenden Anteil an Lutheranern in seiner Gemeinde fest und beantragte beim Landeskirchenamt den Wechsel des „status confessionis“, den Bekenntniswechsel.

Fiebig im Interview: „Als ich kam, war der Heidelberger Katechismus noch in Gebrauch. Ich habe das bald geändert, weil dieser bei den Leuten aus dem Osten unbekannt war. Ich habe im Einvernehmen mit dem Synodal-Vorstand Luthers Katechismus eingeführt und durchgesetzt. Zwar ist ein Pfarrer per Amtseid gehalten, den Bekenntnisstand seiner Gemeinde zu wahren, das Presbyterium ist mir aber damals sofort gefolgt und hat dies auch gegen ein gewisses Befremden seitens der Kirchenleitung in Düsseldorf verteidigt; schließlich wurde der „Wechsel“ auch von Düsseldorf genehmigt!“ Die Ev. Gemeinde ist also seitdem zwar uniert, aber mit dem lutherischen Katechismus von 1529.

1953 drohte das Gemeindezentrum einzustürzen und musste abgestützt und umgebaut werden. Dank einer enormen Spendenfreudigkeit der Gemeindeglieder konnte schon am 20.12.1953 die umgebaute und erweiterte Weidener Kirche mit einem Gottesdienst neu eingeweiht werden. Das frühere breite Treppenhaus verschwand, eine Orgelempore wurde errichtet sowie viele Seitenräume neu hergerichtet; der Kirchsaal wurde nun vergrößert, der Altarraum mit Kanzel und Taufstein neu gestaltet und vieles verschönert.

Diesen großen Umbau des 1912 vom Architekten Schreiterer gebauten Hauses nahm der Architekt S. Knoch vor, der noch viele weitere Kirchen und Gebäude unserer Gemeinde bauen sollte.

Anfänge der Ökumene

Die Stellung der vielen Evangelischen, die zu ca. 75 % aus dem Osten kamen, zu der mehrheitlich kath. Umgebung im Weidener Raum war vor allem in den ersten Jahren nach 1948 nicht immer einfach: Nicht alle kulturellen Einrichtungen, Vereine usw. nahmen sie gleich mit offenen Armen auf. Dies sollte sich aber schon zu Fiebigs Zeiten ändern. Es gab viele konfessionelle Mischehen. Die kath. Amtsbrüder nannten Pfarrer Fiebig schon bald „confrater (Mitbruder)“, was eine gewisse ökumenische Anerkennung war, denn Pfarrer Weller (1912 – 1950) wurde von ihnen nur „Herr Kollege“ genannt.

Es gab also ein gewisses ökumenisches Miteinander, aber noch keine ökumenischen Veranstaltungen wie z. B. gemeinsame Bibeltage und noch keine ökumenischen Gottesdienste. Ökumene-fördernd sollte dann auch die 1961 vom damaligen Kantor Linkenbach gegründete Singschule werden, deren Ausbildungsmöglichkeiten und äußerst zahlreiche Aktivitäten besonders viele Katholiken aus dem Weidener Raum nutzten. Es entstand immer mehr ein gutes Miteinander in Weiden.

Viele Traditionen, Riten und Sitten aus dem Osten waren neu, z. B. der Wunsch mancher Familien aus Ostpreußen, die Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen selber zuzuschaufeln. Die Sitte in reformierten Kirchen, für die Presbyter eigenes Gestühl vorne aufzustellen, wurde von Pfarrer Fiebig nicht eingeführt; es gab auch nicht – wie in vielen ev. Kirchen des Ostens – eigenes Gestühl für bestimmte Familien.

Wachstumsjahre

Die Konfirmanden- und Jugendarbeit weitete sich immer mehr aus, wobei die ersten 10 Jahre alle Konfirmanden von überall nach Weiden kamen, wo sie von Pfarrer Fiebig am Samstagnachmittag ihren Unterricht bekamen. Die Kirchenlieder wurden bunter, die Liturgie wurde intensiver, lutherischer; viele (ehemals) reformierte Lied- und Musiktraditionen nahmen ab. Auch wurden die Kirchräume weit mehr als früher geschmückt, auf dem Altar standen jetzt Blumen und Kerzen.

1955 wurde das 25jährige Bestehen des ev. Gemeindezentrums als Kirchweihfest gefeiert; 1957 „50 Jahre Ev. Gottesdienst in Weiden“ – die Diaspora-Gemeinde stand recht selbstbewusst inmitten des katholischen Umfeldes da, und ihre Seelenzahl wuchs ständig weiter.

1955 gab es schon 5000 Evangelische; daher wurde Gemeindemissionar Rothfahl nach Brauweiler/Königsdorf eingewiesen, der den immer noch alleinigen Pfarrer Fiebig vor allem hier entlasten sollte (er blieb dort bis 1965). 1963 waren es 9400 Gemeindeglieder, die zwei weitere Pfarrstellen entstehen ließen: 1963 in Junkersdorf (R. Mengel) und 1965 in Brauweiler (K. Klos). Die Gemeinde wuchs jetzt durch Zuzug und hatte an Größe die einstige „Muttergemeinde“ in Frechen überflügelt.

Die Jahre 1963 bis 1980