Bleibt alles anders?!

Kirche und Gemeindeleben in Zeiten von Corona (mit Kommentarfunktion)

Nach den nun vorliegenden Kirchenaustrittszahlen des vergangenen Jahres 2019 und den momentanen Entwicklungen in den Gemeinden der Evangelischen Kirche im Rheinland und der Evangelischen Kirche Deutschlands im Allgemeinen, habe ich mir die Frage gestellt: Wie kann Kirche und Gemeindeleben in Zeiten von und nach Corona gedacht werden? Sicherlich wäre es mir auch lieber, wenn diese Pandemie schnell vorbei wäre, aber die Situation ist gerade so wie sie ist und anstatt nun in Wehmut zu verfallen und sich zu fragen: Wann wird es so, wie es niemals war? Hierzu zwei Gedanken meinerseits, wie ein Virus „die Evangelische Kirche“ (sofern man überhaupt von einer einheitlichen Kirche sprechen kann) nachhaltig verändern wird.

T wie Traditionsabbruch

In einer sich stetig wandelnden Gesellschaft ist auch die Kirche diesen Veränderungen und Herausforderungen unterworfen. So befindet sich ‚Kirche‘ mit ihren Angeboten auf dem ‚Markt der Möglichkeiten‘, weil viele Menschen zwar auf der Suche nach sinnstiftenden, spirituellen und volksnahen Angeboten sind, diese aber nicht mehr zwingend oder ausschließlich in der Kirche suchen. 

Die Corona-Pandemie hat schon jetzt gezeigt, dass sich die evangelische Kirche wieder – oder vielleicht sogar zum ersten Mal – diesem ‚Markt der Möglichkeiten‘ stellt und Angebote schafft, die in einen neuen Raum reichen – den digitalen Raum. 

Der digitale Raum, dort also, wo sich ein Großteil der Menschen bewegt, die einerseits Kirchensteuern zahlen und andererseits selten bis gar nicht kirchliche Angebote für sich in Anspruch nehmen. 

Jedoch sind mit den kirchlichen Angeboten im digitalen Raum nicht nur Online-Gottesdienste gemeint, sondern es geht um ein neues, noch nie dagewesenes spirituelles Angebot, das über Digitale Seelsorge bis hin zur Feier eines digitalen Abendmahls reicht. Der Kreativität waren und sind zu dieser Zeit nur die technischen Möglichkeiten der einzelnen Gemeinden gesetzt. 

Die Frage, die sich dabei stellt, ist, soll solch ein Angebot bei den momentanen und zukünftigen Lockerungen beibehalten werden oder nicht? 

Denn sicherlich ist es nicht nur mehr zeitlicher Aufwand, der sich in solchen Angeboten niederschlägt, sondern es ist auch die Kurzlebigkeit des digitalen Raumes, die der Online-Kirche immer wieder Grenzen setzt, ja, sie herausfordert sich ständig dem Markt neu anzupassen. 

Die Tatsache, dass zur Zeit des Shutdowns so viele Gemeindeglieder auf das digitale Angebot unserer Gemeinde zugegriffen haben, ist und bleibt wunderbar, aber auch jetzt ist schon an den Besuchszahlen der Internetseite klar: Es hatte seine Zeit und diese scheint momentan wieder vergangen zu sein. 

Daher werden sich Gemeinden – und somit auch unsere – sich zukünftig die Frage stellen müssen: Wollen wir ein digitales Angebot zusätzlich zu unserem „normalen“ Angebot und das auch in der Zeit nach Corona? 

Gezeigt hat die Pandemie zumindest jetzt schon eines: 

Gemeinschaft ist möglich, auch wenn man sich nicht leibhaftig in einem Raum befindet. 

G wie Gottesdienst 

Als Zentrum einer jeder evangelischen Gemeinde, so meine These, steht der sonntägliche Gottesdienst. 

Dies gilt sicherlich auch für unsere katholischen Geschwister. 

Mit dem Aussetzen der Gottesdienste während des Shutdowns geschah das erste Mal etwas, was sich flächendeckend durch die Gesellschaft zog. 

Es war zum einen die Einsicht, dass die Lage offensichtlich ernster ist, als gedacht und zum anderen stellte sich die Frage nach der Relevanz von Gottesdiensten, ja, die Relevanz von Kirche überhaupt. 

Denn das böse Wort der Systemrelevanz schwebte wie ein Damoklesschwert über jeder einzelnen Gemeinde und je länger die Gottesdienste ausblieben, desto unruhiger wurden viele Menschen, die die Sorge umtrieb, dass die Kirche nun ganz an den Katzentisch der Gesellschaft vertrieben worden wäre, ja mehr noch: Dass es die Kirche gar nicht mehr für eine funktionierende Gesellschaft braucht. 

Und so verfielen viele in die Litaneien von Kapitalismuskritik und Betroffenheit, als es um das Thema der Systemrelevanz von Kirchen ging, ohne sich zu fragen: 

Müssen wir überhaupt systemrelevant sein? 

Denn, so sagt es der Theologe Ulrich Körtner aus Wien: Nach dem biblischen Zeugnis des Neuen Testaments besteht die primäre Aufgabe der Kirche nicht darin ein bestehendes gesellschaftliches System zu stabilisieren. 

Schon gar nicht ein System, dass ein Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich verschärft und die Ausbeutung von Menschen und Tieren vorantreibt.

Dieser These stimme ich zu, auch und gerade unter der Konsequenz, dass die Evangelische Kirche in den nächsten Jahren kleiner wird, mehr Menschen austreten werden und die Suche nach sinnstiftenden Angeboten Menschen mehr in Yoga-Studios treibt, als in die Kirche. 

Aus evangelischer Sicht, im Gegensatz zu unseren katholischen Geschwistern, gibt es das Heil auch außerhalb der Kirche, weil Gott dort ist, wo zwei oder drei in seinem Namen beisammen sind. 

Kirche ist dort, wo Menschen sind. Dies ist ganz unabhängig von der Anzahl der Menschen, dem Ort, an dem man sich befindet oder einem Virus, das momentan uns alle in Atem hält. 

An dieser Stelle setze ich keinen Punkt, sondern ein Semikolon und reiche den Staffelstab an Sie weiter. Denn ich lade Sie ein, weiter an diesem Thema mitzudenken. Dazu wird dieser Text – mit Erscheinen des neuen Gemeindebriefes – auf der Internetseite der Gemeinde hochgeladen und mit einer Kommentarfunktion versehen. Dort können Sie dann Ihre Gedanken niederschreiben, kommentieren und miteinander ins Gespräch kommen. 

Laura Kadur

(Artikel von Ulrich Körtner auf: https://www.domradio.de/themen/glaube/2020-06-03/gott-ist-mehr-als-notwendig-theologe-kirche-sollte-systemrelevanz-frage-stellen