Neuer Gemeindebrief März bis Mai 2019

Ein neuer Blick
Als ich gebeten wurde, für den Gemeindebrief ein Geistliches Wort zu schreiben, habe ich gerne zugesagt. Meine Bereitschaft kam aus der Lektüre eines Buches, das mir zu meiner Ordination geschenkt wurde. Geschrieben hat es der katholische Pater Reinhard Körner, der sich darin der Gleichnisse Jesu angenommen hat und sie mit einem ganz besonderen Blick betrachtet. Der Titel: „Jesus braucht Kleinbauern“

sprach mich direkt an. Wie Pater Reinhard bin auch ich ein Bauernsohn. – Pater Reinhard gesellt sich im Geist mitten unter die Zuhörer Jesu. Damit stellt er eine unmittelbare Nähe zu Jesus her. Und ich stellte mich gerne dazu. Es beeindruckte mich, wie Pater Reinhard mir mit dem Wissen von „hochgescheiten Bibelexperten“ und seiner eigenen Übersetzung von Textstellen aus der griechischen Überlieferung einen neuen Blick auf den Gehalt vieler Gleichnisse eröffnete, z.B. in dem Gleichnis vom Himmelreich und dem Sauerteig.

„Das Reich Gottes gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war. Lk. 13, 20-21.

Wahrlich keine Brotbackanleitung! Und Pater Reinhard schreibt darüber, wie das damals war. Denn Jesus selbst und seine Zuhörer kennen sich aus: ein wenig Sauerteig, viel Mehl, Wasser, Salz, die Arbeit damit und die Zeit, die alles braucht, bis der Teig gebacken werden kann.

Wenn Jesus das Gleichnis wirklich so einfach erzählt hat, dann vielleicht mit einem Lächeln. Und seine Zuhörerschaft wird sich lächelnd ihren Teil dazu gedacht haben, besonders, wenn Pater Reinhard aus dem Griechischen übersetzt, dass der Sauerteig nicht mit dem Mehl vermengt wurde, sondern von der Frau unter dem halben Zentner Mehl versteckt wurde. – Was soll das denn bedeuten, unters Mehl versteckt?

Was versteckt ist, kann man nicht sehen. Um es zu finden, oder wiederzufinden, muss man es suchen. Hilfreich ist, wenn man eine Ahnung davon hat, wo man es finden könnte. Aber was hat das Reich Gottes damit zu tun?

Um etwas Licht ins „Versteck“ zu bekommen, schauen wir noch einmal
genau hin. Im Gleichnis sagt Jesus nicht, dass das Reich Gottes wie Sauerteig sei. Nein, er sagt, es ist wie Sauerteig, den eine Frau …, mit dem also eine Frau etwas Bestimmtes macht, ihn nämlich unter den Backzutaten versteckt. Und dieser Sauerteig soll etwas mit dem Himmelreich zu tun haben?

Einfach zugehört ist das vielleicht zum Lachen. Doppelt zugehört und genau nachgedacht, zeigt sich aber ein tieferer Sinn: Sauerteig macht etwas, er bewirkt etwas, scheinbar versteckt, fürs Auge unsichtbar. Er ist grundlegend für das Werden von etwas Neuem, für das Brot, das zur Nahrung, zur Kraft zum Leben wird.

Sauerteig, das ist das Verborgene, das unsichtbar ist, das etwas bewirkt, – weil es da, wo es ist, seine Wirkkraft entfalten kann. Und da dämmert es jetzt wohl bei den Zuhörern Jesu: Ja, so ist das auch mit dem Reich Gottes. Es ist schon da, verborgen im Gemenge der Welt, mitten unter uns, vielleicht versteckt in unseren Herzen. Wir haben es nur noch nicht entdeckt. Es kann noch nicht seine Wirkkraft entfalten.

Doch genau zugehört und nachgedacht, zeigt sich bald ein tieferer Sinn: Der verborgene Sauerteig im Gleichnis, das Unsichtbare, das doch da ist, das seine Wirkkraft entfaltet, dieses Verborgene und das Himmelreich, geht da was zusammen? – Vielleicht dämmerte es dann doch bei den Zuhörern Jesu: Ja, so ist das doch mit dem Reich Gottes: das verborgen und unsichtbar ist, aber schon da, nur eben versteckt – im Gemenge der Welt, mitten unter uns, vielleicht
versteckt in unseren Herzen, – wir haben es nur noch nicht für uns entdeckt. Es kann noch nicht seine Wirkkraft entfalten.

Wenn wir uns aufmachen, das Reich Gottes zu suchen, seinen Frieden und seine Liebe in unserem Leben aufzuspüren, in unseren Freuden, in der Liebe zu unseren Nächsten, zur Natur, den Tieren und Pflanzen, dann wird es in uns wirken. Gottes Liebe und Frieden werden uns verändern, sich ausweiten hinein in die Welt. Sie werden zu einem anderen Brot des Lebens, einer anderen Nahrung für uns und die Welt Diese Welt steht vor großen Aufgaben. Dort wo Unfrieden ist, können die Probleme nicht gelöst werden. Dort wo in uns Unfrieden ist, verkümmert unsere Liebe. Wo unsere Liebe verkümmert, verlieren wir die Menschlichkeit und die Mitmenschlichkeit.

Auch in solch einer „toten“ Welt ist Gott mitten unter uns, ist sein Wort für uns da, sind wir nur einen Gedanken von ihm entfernt, ist Gottes Reich für uns offen, seine Liebe, sein Frieden spürbar. Es ist nie zu spät, Gottes Frieden zu suchen. Lassen wir nicht locker, auch wenn wir ihn nicht überall finden.

Im Sinne der Jahreslosung für 2019: „Suche Frieden und jage ihm nach“ wünsche ich Ihnen und Euch alles Gute, für jeden Tag aufs Neue.

Ihr, Euer Walter Hoischen, Prädikant

2 v.l. Walter Höischen